Eine Frage der Perspektive

Neulich wurde bei mir ein Langzeit-EKG gemacht. Wer das nicht kennt: Da bekommst du 5 Elektroden auf die Brust geklebt, an diesen werden überlange Kabel befestigt, welche auch noch um deinen Hals geschlungen werden. Die Kabel enden in einem Walkman ähnlichem Gerät, welches mit einem Gürtel an deiner Taille hängt und so darfst du dann 24 Stunden rumlaufen.

Als ich so ausstaffiert mit diesem Ding nach einem kleinen Einkaufsbummel nachhause kam, lockerten sich schon die ersten Klebeelektroden, was nach Auskunft der Arzthelferin niemals passieren würde. ‘Echt jetzt?‘ dachte ich entnervt und zog mich aus. Ich schnappte mir eine Rolle Leukosilkpflasterband und stellte mich quasi nackt vor den Spiegel um diese Dinger dauerhaft zu befestigen. In diesem Augenblick entdeckten meine Katzen, dass irgendwas heute an mir anders war. Sie belauerten mich von allen Seiten, kugelrunde Augenpaare verfolgten aufmerksam jede meiner Bewegungen. Auch ohne Hilfe eines Dolmetschers erkannte ich sofort eindeutig, was in ihren Köpfen vorging. Es stand gewissermaßen in großen Leuchtbuchstaben ihnen auf die Stirn geschrieben.

Nach dem ich mich verpflastert hatte, zog ich mir ein weites T-Shirt über, aber irgendwie guckten immer ein paar Kabel irgendwo raus. Die Bande umkreiste mich, kletterten in das Waschbecken um nun endlich zu erfahren, was ich denn da so faszinierendes an mir hatte, was ich IHNEN denn da spannendes mitgebracht habe. Ich ließ sie schnuppern, ich kenne ja meine Katzen, ich hätte sonst keine Ruhe gehabt. Als sie jedoch anfingen mit den Strippen zu pföteln, lenkte ich sie schnell mit dem mitgebrachten Hackfleisch ab und widmete mich dem Computer. Erfolg auf ganzer Linie, sie vergaßen dabei meinen neuen Körperschmuck.

Am Abend guckte ich Fernsehen. Auf dem Sofa liegend freute ich mich auf einen Film, den ich mir am Sonntag aufgenommen hatte, als sich plötzlich Lilli in die Kabellage verbiss. Sie hatte sich mir wie gewohnt schmusend genähert, so dass ich mit diesem Überfall nicht gerechnet hatte. Ich klaubte sie von meiner Brust und setzte sie in Pocolinos Nähe, der auch schon ganz fasziniert auf meinen Oberkörper schielte. Nun gut, als Mensch mit etwas kätzischem Einfühlungsvermögen, sah ich ja ein, dass diese wippenden dünnen Kabel einfach zu verführerisch waren. Also schnappte ich mir die aktuelle Lieblingsangel und ließ die Bande übers Sofa hechten, in der Hoffnung sie müde zu spielen.

Doch weit gefehlt! Den ganzen Abend über pirschten sie sich immer wieder sehr geschickt und aus allen Richtungen an mich heran. Zeitweilig hatte ich sogar das Gefühl, dass sie eine gemeinsame Taktik verfolgten: Einer lenkt mich ab, damit die anderen Katzen sich lautlos anschleichen können. Wie gut, das ich mit dem Leukosilk nicht gespart hatte!

Selbst in der Nacht, während ich schlief, kontrollierten sie noch zweimal, ob denn ihr neues Spielzeug noch da war wo es hingehörte.

Wenn ihr also euren Katzen mal wieder etwas Besonderes bieten wollt, klebt euch doch einfach ein paar dünne Kabel an die Brust, sie werden sich freuen. Denn aus ihrer Perspektive ist das ein gelungenes und spannendes Vergnügen!

 

© Katja Tuszynski 2005 / überarbeitet 2015